03. April 2021
Solidarität
Eine alte Dame überquert mit ihrem Gehwagen die Straße. Langsam und mit kleinen Schritten kommt sie voran. Ihr Rücken ist gebeugt. Der Nieselregen, der in feinen Fäden unaufhörlich vom Himmel sinkt, hat die beige Jacke, die locker über ihrem dünnen Körper hängt, bereits durchnässt. Ihre Hände sind von der Kälte leicht bläulich verfärbt. Als sie an der gegenüberliegenden Straßenseite ankommt, stößt sie mit einem Rad des Gehwagens unglücklich gegen die hohe Kante des...
07. Februar 2021
Lockdown weiß
Sie ist machtvoll, zwingt uns in die Knie. Mir eisiger Hand treibt sie uns vor sich her und schiebt einen Riegel vor die Freiheit. Zu keiner Diskussion bereit, nötigt sie uns zu verharren. Sie ist es, die über Leben und Tod regiert. Wir müssen uns beugen, ob wir wollen oder nicht. Anstatt sie mit Füßen zu treten, sollen wir uns vor der Kraft der Natur verneigen. Leben am Limit
31. Januar 2021
Leben am Limit
Ich habe die Nase voll – so richtig voll!! Ich kann mir die Dinge einfach nicht mehr passend quatschen und schönreden, mir selbst etwas vormachen, auf irgendein Heil warten, hingehalten und eingelullt werden. Ich kann die Angst schürenden Nachrichten und Hiobsbotschaften nicht mehr hören. Ich habe die Einseitigkeit der Berichterstattung ebenso satt wie die Eintönigkeit meines Tagesablaufs. Ich habe keine Motivation mehr, mir die kleinen und feinen Dinge des Lebens immerzu schmackhaft zu...
25. Januar 2021
Was ich liebe
Ich liebe die Berge und auch das Meer, denn Schönheit ist überall erfahrbar. Ich liebe die Natur, die Knospen an den Bäumen und die volle Blüte. Ich liebe das Laub und auch den Schnee. Ich liebe das Gespräch, einen Austausch auf Augenhöhe, einen mit Gehalt und Sinn, mit Tiefgang und Leichtigkeit. Ich liebe das Ernste ebenso wie die Heiterkeit. Ich liebe das Einverständnis und auch die Auseinandersetzung, denn durch sie bin ich in der Lage etwas dazuzulernen. Ich liebe die Berührung,...
23. Dezember 2020
Mitgefühl in dunklen Tagen
Kann Mitmenschlichkeit ein Vergehen sein? Gestern traf ich eine alte Dame im Park. Wir laufen uns öfter über den Weg, wechseln an paar Worte, ohne uns jedoch näher zu kennen. Schon als sie mich von weitem sah, winkte sie bereits. In ihrer Geste lag etwas Dringliches. Wir grüßten uns, doch noch ehe wir die üblichen Höflichkeitsfloskeln austauschen konnten, sagte sie: „In diesem Jahr werde ich Weihnachten ganz alleine verbringen!“ „Oh“, sagte ich und fühlte echtes Bedauern...
10. Dezember 2020
Wer´s glaubt … Ich glaubte die Dinge zu verstehen. Ich glaubte die Wahrheit zu kennen. Ich glaubte mich aufgehoben zwischen den Menschen. Ich glaubte mich beschützt in einem System. Ich glaubte an das Gute. Ich glaubte an den gesunden Menschenverstand. Ich glaubte an Mitgefühl und Toleranz. Ich glaube an das Miteinander. Ich glaubte an die Vielfalt. Ich glaubte an die Hoffnung. Aber glauben heißt nicht wissen. Jetzt weiß ich es. Einheitsspiel: Ein Gedicht zur Lage der Nation
04. Dezember 2020
Einheitsspiel Die Luft ist dünn. Sie wird uns genommen. Die Freiheit fliegt fort. Ein neues Netz wird gesponnen. Das Blau vom Himmel verbogen. Der gesunde Menschenverstand um seine Wahrnehmung betrogen. Schlagworte haben die Macht. Wer etwas anderes sagt, steht unter Verdacht. Das Bunte wird des Platzes verwiesen. Zur Sicherheit aufgerufen wird die Vielfalt erliegen. Eine glitzernde Nadel als Heilsbringer verkündet. Verheißungsvoll hat sie sich mit dem Profit verbündet. Gesetze ausgehebelt....
16. November 2020
„Ein Farbentraum aus Grün und Blau, ein Ausblick meiner Seele zu Papier gebracht, stehe ich vor meinem Vater und möchte ihm stolz mein Werk präsentieren. Seine Augen schwerfällig vom Bildschirm lösend schaut er in meine Richtung. Weder treffen sich unsere Blicke noch würdigt er mein Bild eines Blickes. Nebelgraues Desinteresse verhüllt seine Pupillen. Ohne sich mir wirklich zuzuwenden spricht er: „Fein Lena, das hast du gut gemacht!“. Erwartungsvoll schaue ich ihn an, möchte...
23. September 2020
Der Wandel fegt den Boden beiseite. Sicherheit rutscht durch kleinste Ritzen. Veränderungen sind wie fließende Farben. Bedrohlich verschwimmt das Jetzt. Ein Boot schwankt in unruhigen See. Im Herzen keinen Anker. Im schlammigen Grund versinkt die Hoffnung. Kein Vertrauen wurzelt in ihm. Die Angst mag die Bewegung. Still harrt sie aus. Lauert. Wie ein hungriger Tiger springt sie aus der Ecke. Gierig greift sie zu. Ihre kalten Hände umfassen das Herz. Ein Kokon aus Eis begrenzt die Freiheit....
22. September 2020
Kürzlich stellte mir jemand die Frage: „Bist ist du glücklich?“ Ich stockte und war kurz irritiert. Eine solch gewichtige Frage in dieser besonderen Zeit, dachte ich, wie könnte da die passende Antwort lauten? Ich frage mich, ob ich einfach Ja sagen könnte, zum einen, um nicht tiefer ins Thema einsteigen zu müssen und zum anderen, ob es nicht sogar angemessener sei, eine zurückhaltende Antwort zu geben. Sollte ich wirklich Ja sagen, bei all dem, was sich in der äußeren wie auch in...

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