Schreibend wachsen

Es gibt ein Bleiben im Gehen, ein Gewinnen im Verlieren und in jedem Ende einen Anfang - und so endet alles irgendwann und beginnt irgendwann, vielleicht auf eine vertraute, vielleicht aber auch ganz andere Weise.

 

Lange bevor ich zu schreiben begann, war der Wunsch in mir gereift. Eines Tages wurde aus der Vorstellung Realität. Es war ein Drang, den ich spürte, ein Sog, der mich an den Schreibtisch führte. Da saß ich nun und schaute auf das Blatt, das vor mir lag. Weiß war es und leer. Eine Erwartung ging von ihm aus. Die Neugier fegte die Angst beiseite und ich öffnete mein Herz, für das, was geschehen sollte. Obwohl von dem weißen Blatt eine immanente Leere ausging, empfand ich keine Bedrohung. Vielmehr war es eine Einladung, ein Freifahrtschein, des sich selbst Ausprobierens. Ich gab mir die Erlaubnis - ein Ja es zu versuchen, mir selbst im Schreiben begegnen zu dürfen. Ich gab mir auch ein Ja, Fehler zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Doch vor allem gab ich mir das Ja, dem Weg meines Herzens zu folgen.

 

Das Feuer der Begeisterung

Ohne Ziel tanzte der Stift über das Papier. Ich schrieb, und das mit einer unerwarteten Leichtigkeit. Es war, als hätte etwas in mir einen Knopf gedrückt, mich angeschaltet und damit den Buchstaben freien Lauf lassen. Ich schrieb und schrieb und mit jedem Wort, das mich verließ, wurde ich freier, bekam Raum in mir. Einen Raum, der wie ein Flussbett war. Ein natürlicher Rahmen begrenzte die Worte, die mühelos aus mir heraus plätscherten. Erstaunen darüber, was sich ausdrücken wollte, was sich auf dem Papier vor mir formte, fasst mich an. Im Handumdrehen war ich infiziert. Ja tatsächlich infiziert, vom Feuer der Kreativität befallen. Einem Feuer, in dem ich jedoch nicht verbrannte, das mich nicht auszehrte, sondern mich innerlich entflammte. Mein Herz hatte Feuer gefangen und das Feuer strömte als Begeisterung am Tun durch meine Adern. Die Worte streben aus mir heraus und ich stellte mich ihrem Fluss zur Verfügung. Aus dem anfänglichen Plätschern wurde ein reißender Strom. Buchstaben reihten sich aneinander, formten Worte, Texte, Artikel, Geschichten, Slams, Gedichte und mit allem, was mich verlies veränderte ich mich und wurde neu – immer wieder neu. Geklärter, klarer, weiter. Ich wandelte mich im Zauber der Worte und wurde mutiger, freier und auch leichter, spürte, wie jegliche Art von Ballast weniger wurde. So als würde mit jeder Zeile, die ich schrieb eine Schicht meines Seins abgeschält, drang ich immer tiefer hinein - in das Wesen des Schreibens, aber auch zu mir – zum Kern der Dinge. Schreiben macht das Selbst erfahrbar, auf eine Weise, die ich vermutlich sonst niemals hätte erfahren können. Es liegt Magie darin, sie ist wie ein Sog, der mich hineinzieht, in das Schreiben und auch zu mir. Die Kraft der Magie ist die Wandlung.

 

Schreiben ist Wandlung

Schreibend werden wir selbstbewusst und unserer selbst bewusst. Bewusstsein ist der Schlüssel zur Wandlung. Alles, was wir uns bewusst gemacht haben, kann uns unbewusst nicht mehr beherrschen. Schreibend werden wir selbst und allein dadurch verändern wir uns und alles um uns herum. Wir lernen den Blick schweifen zu lassen, den Geist zu weiten, lernen die Perspektiven zu wechseln, die Sichtweisen zu verändern. Wir haben die Möglichkeit, andere an unseren Herzensanliegen teilhaben zu lassen, machen unsere Eindrücke im Außen erfahrbar, lesbar, hörbar, greifbar nah. Wir werden sichtbar, im Inneren, wie im Äußeren.

 

Schreiben kann eine Brücke, ein Schlüssel und auch ein Spiegel sein.

 

(Wortflüsse aus dem Buch: Licht hinter Wolken, Seite 9, Alexa Förster)